ARTHUR PALHANO Das Licht und das Auge
Photo credits: Anna Autio
16. Januar 2026- 07. Februar 2026
Besichtigungen und Führungen sind jeden Samstag zwischen 12:00 und 18:00 Uhr möglich.Die Erforschung des Lichts gliedert sich in zwei grundlegende Bereiche: die geometrische Optik, die den Verlauf der Strahlen beschreibt, und die physikalische Optik, die sich mit ihrer Beschaffenheit befasst. Wahrnehmung ist dabei nur möglich, weil Licht an Materie gebunden ist. Sehen entsteht als vermittelter Prozess: Vom Ursprung der Lichtquelle über die Reflexion an Oberflächen bis zur Aufnahme durch das Auge konstituiert sich in diesem Beziehungsgeflecht das, was wir das Sichtbare nennen.
In der Tradition der Malerei verband sich die Erfindung der Perspektive mit der Darstellung von Licht und Schatten, die das Volumen der Dinge auf der Bildfläche formten. Die Sonne selbst blieb dabei meist symbolisch abstrahiert – ihre Strahlen wurden durch vereinfachte zeichnerische Mittel angedeutet. Erst mit dem Impressionismus wurde die Wahrnehmung des Lichts zu einem zentralen malerischen Anliegen. Monet etwa verdichtete flüchtige Lichtphänomene in kurze, vibrierende Pinselstriche, die den Moment des Sehens im Bild fixierten.
Auch bei Van Gogh, der um 1890 die Feldarbeiter von Saint-Rémy unter der Mittagssonne malte, wird deutlich, dass Sichtbarkeit an Licht gebunden ist. Die ruhenden Körper erscheinen nicht als von der Sonne beschienene Objekte, sondern als Lichterscheinungen selbst. Licht formt hier nicht nur den Blick, sondern die Subjekte, die es sichtbar werden lässt.
Während eines etwa zweimonatigen Aufenthalts in der Miettinen Collection in Berlin erlebte Arthur Palhano eine grundlegende Verschiebung seiner alltäglichen Lichtwahrnehmung, die seine Malerei nachhaltig beeinflusste. Während im brasilianischen Kontext das nahezu senkrechte Sonnenlicht starke Kontraste und intensive Farben erzeugt, wirkt das Licht in Berlin weicher und schräger, wodurch ruhigere, diffundierte chromatische Nuancen entstehen.
Die von Palhano untersuchten Objekte erfuhren unter diesen Bedingungen eine neue malerische Behandlung – auch jene, die zuvor in Brasilien durch kraftvolle Lichtschemata bestimmt waren. Elemente, die einst Präsenz behaupteten, ziehen sich nun in dichte Lasurschichten zurück, ein den gewohnten Verfahren des Künstlers entgegengesetzter Prozess. Von Dunkelheit umspült, bleiben nur noch Störungen sichtbar: ein Rauschen, das ein anderes malerisches Wissen eröffnet und den Blick nicht ohne Folgen lässt.
Die Nähe des Ateliers zu einem Fenster führte Palhano dazu, jene lichtvollen Berührungen zu beobachten, durch die sich das auf der Bildoberfläche Verborgene offenbart. In der Spannung zwischen dem Freilegen durch Licht und dem Verdecken durch Materie verhandelt seine Malerei Fragen nach der poetischen Intention eines Motivs. Materialität erscheint hier nicht als technische Virtuosität, sondern als Trägerin ästhetischer Entscheidungen, durch die Palhano ein eigenes, komplexes System formt.
In seiner aktuellen Arbeit ist das Licht so tief in die Malerei eingedrungen wie selten zuvor. Die Aufmerksamkeit für Lichtabdrücke ist zugleich ein Versuch, das Vertraute in seiner Veränderlichkeit zu erfassen – denn jedes Objekt wird unter anderem Licht zu einem anderen. So wird das Flüchtige fixiert und die zufällige Erscheinung des Lichts bewahrt, bis die Bilder selbst zu dem werden, was sie zu zeigen suchen.
Diese nun als Motiv hervortretende Leuchtkraft entfaltet sich in Farbfeldern, die auf der materiellen Dichte der Farbe ruhen und in der Tiefe des Bildes fortbestehen. Das Licht dringt in diese Schichten ein und offenbart die Gaben einer Sonne, die ihren Glanz verleiht, damit der Mond aus dem Schatten die Formen des Geheimnisses hervorheben kann.
Das Auge, vor diese Lichtwellen gestellt, ist zum Sehen aufgerufen: Im Wunsch, selbst Teil des Bildes zu werden, entdeckt es sich als solches und gibt den Blick zurück. Licht erscheint hier als leibhaftige Präsenz – und das Auge verlangt danach, sich selbst zu sehen.
16. Dezember 2025
Yago Toscano












